Thomas Groß: Erinnerungen

Predigt im Trauergottesdienst für Dekan und Pfarrer Thomas Groß

Trauergottesdienst für Thomas Groß

Selten sind die Menschen innerhalb und außerhalb unserer Kirche so erschüttert gewesen wie am vergangenen Sonntag, als sie davon hörten, dass Herr Dekan und Pfarrer Geistl. Rat Thomas Groß bei der sportlichen Ertüchtigung bei einem Trainingslauf, den ihm die Ärzte empfohlen hatten, zusammengebrochen und verstorben ist. Wenn wir ihn heute hier in Bensheim, wo er so gerne gewirkt hat, der geweihten Erde übergeben und nun den Trauergottesdienst für ihn halten, sind wir noch von diesem großen Verlust und dem herben Abschied sehr gezeichnet. Wir können es immer noch nicht fassen, dass er künftig nicht mehr leibhaftig unter uns ist.

Thomas Groß wurde vor 55 Jahren (16.2.1957) in Klein-Krotzenburg geboren. Vor etwas mehr als 29 Jahren wurde er zwischen der Emeritierung von Kardinal Volk und meiner Bischofsweihe von Herrn Weihbischof Wolfgang Rolly mit insgesamt zwölf Mitbrüdern zum Priester geweiht. In den Kaplansstellen Bad Nauheim und Obertshausen lernte er das pastorale Rüstzeug kennen. Schließlich war er 17 Jahre Pfarrer in Seligenstadt/Mariä Verkündigung und in Froschhausen. Hier hat er mit großer Hingabe neben der Basilika-Pfarrei die aufstrebende Gemeinde, die heute neben Froschhausen (2000) fast 3000 Mitglieder hat, auf- und ausgebaut. Immer wieder haben sich Menschen bei mir dafür bedankt, wie er für suchende Menschen da ist und mit großer Menschenfreundlichkeit den Leidenden und Bedrängten nachgeht. Thomas Groß war in dieser Zeit auch immer wieder zu Hilfen in der Umgebung bereit. Dreimal wurde er zum Dekan des Dekanates Seligenstadt gewählt (1993, 1998, 2003), nachdem er auch bereits Stellvertreter gewesen ist (1991).

Vor acht Jahren übernahm Thomas Groß die Pfarrei St. Georg hier in Bensheim. Zu seinen Aufgaben gehörte auch das Seelsorgegebiet Reichenbach, später übernahm er noch den Bereich Schönberg. St. Georg hier in Bensheim ist mit fast 6000 Katholiken nicht nur eine große und lebendige Gemeinde, sondern hat auch durch die Verbindungen mit dem Krankenhaus, der Liebfrauenschule, den Ordensniederlassungen (fast 20 Schwestern im Altenheim der Maria Ward-Schwestern, Patres und Brüder der Franziskaner in Bensheim) und vielen Aufgaben in der Stadt ein hohes Maß an Verantwortung. Wir sind allen dankbar, die Thomas Groß als Pfarrvikare, Pastoral- und Gemeindereferent/innen und nicht zuletzt im Sekretariat unterstützt haben. Auch hier wurde Thomas Groß nach zwei Jahren zum Dekan des Dekanates Bergstraße-Mitte gewählt und im vergangenen Jahr wiedergewählt. So ist er insgesamt in den beiden Dekanaten fünfmal zum Dekan gewählt worden. Dies schließt auch eine intensive Mitarbeit in den Gremien auf der Diözesanebene ein, in der Dekanekonferenz, aber auch in anderen Räten, z.B. im Diözesan-Pastoralrat.

Aber es ist nicht nur oder zuerst die Fülle der Aufgaben, die auf seiner Schulter lasteten, sondern es ist die Art und Weise, wie er ein Hirte war, die so viele beeindruckte: Er war immer den Menschen zugewandt. Er hat mit allen, wenn sie es nur wollten, Gespräche geführt, jeder Mensch – ob jung oder alt, ob Mann oder Frau – lag ihm am Herzen. Deswegen galt sein besonderes Interesse der Schulseelsorge und hier insbesondere an der Liebfrauenschule. In allen Sparten des kirchlichen Lebens war er interessiert und hat immer wieder über seine Pfarrei hinausgeschaut. So war er Gemeindeberater und zugleich auch Notfallseelsorger. Eine besondere Sorge trieb ihn um in der Verantwortung für den Katholischen Klinikverbund Südhessen, vor allem auch um die Zukunft des Bensheimer Krankenhauses selbst. Mit hohem Engagement betrieb er die Gründung der Bensheimer Tafel und konnte sich dabei des guten ökumenischen Miteinanders zum Wohl der Stadt und der Menschen sicher sein.

Die Menschen haben immer schon unser Leben mit einem Weg verknüpft. Noch deutlicher erschien das Leben in den Religionen als eine Wanderung auf den Wegen unserer Welt, ja als eine Existenz als Pilger. Dies passt gut zu Thomas Groß. Denn überall ist er mitgegangen, hat neue Hoffnungen und neue Nöte unterwegs aufgespürt, er hat sich um alle Aufenthalte des Menschen gekümmert, sei es die Arbeit, die Familie, die Erholung, die Wirtschaft und den Sport. Deswegen, weil er auf alle Wegzeichen und Hinweisschilder achtete, war er auch ein so wacher und sorgsamer Seelsorger, der nun fast drei Jahrzehnte lang alle Menschen begleitete.

Wir trauern über seinen frühen und so plötzlichen Tod und verbinden unseren Schmerz besonders mit Ihnen, sehr verehrte Eltern von Thomas Groß. Es ist immer schwer, wenn Eltern einem Kind in das Grab schauen müssen – und Thomas war der einzige.

Für die Bibel ist das Laufen ein Schlüsselwort für das menschliche Leben. Nachdem Thomas
Groß schon früh einen Herzinfarkt erlitt und von den Ärzten den Rat von Trainingsläufen
erhalten hatte, hat er dies mit großer Intensität betrieben. Dies gilt für Erholung und Genugtuung
beim Laufen, aber auch für die harte Ausdauer, denn Thomas Groß hatte über 23 Marathonläufe
bestritten. In einem Interview sagte er noch vor 14 Tagen, als er nach seinem nächsten
Marathonlauf befragt wurde: „Das wird jetzt mein 24. Marathon sein. Mich faszinieren
dabei die Leute, die da dabei sind, und die Strecke. Es ist ein Kampf und kein angenehmer
Waldlauf, sondern auch ein Kampf gegen sich selbst; am Schluss steht dann so etwas wie, ja
Erlösung, wenn man durch die Linie durchlaufen kann. Das ist ein tolles Gefühl. Vielleicht
kann man auch sagen, man geißelt sich selbst, ich weiß nicht. Mir tut es jedenfalls gut, bis an die Grenzen zu gehen; zu spüren, wo sind meine Grenzen, komme ich vielleicht darüber hinaus
und schaffe ich die 42 Kilometer.“ (Gespräch mit Dr. S. Herget)

Ja, das ist und war Thomas Groß: „Mir tut es jedenfalls gut, bis an die Grenzen zu gehen.“
Immer war er bereit, sein Letztes zu geben, besonders wenn es um Menschen ging, die ihn
brauchten. Im Alltag der Seelsorge hat er immer wieder alle zumutbaren Grenzen überschritten.
Er hat das Leben wirklich als einen solchen Lauf aufgefasst. Die Aussagen des hl. Paulus
kommen einem in den Sinn. „Wisst ihr nicht, dass die Läufer im Stadion zwar alle laufen,
aber dass nur einer den Siegespreis gewinnt? Lauft so, dass ihr ihn gewinnt … Darum laufe
ich nicht, wie einer der ziellos läuft.“ (1 Kor 9,24f.) Ja, wir werden vom Hebräerbrief aufgefordert:
„Lasst uns mit Ausdauer in dem Wettkampf laufen, der uns aufgetragen ist.“ (Hebr
12,1) Paulus sorgt sich auch, dass wir nicht vergeblich laufen (vgl. Gal 2,2). Sonst gilt für uns
das Wort des Apostels: „Ihr wart auf dem richtigen Weg. Wer hat euch gehindert, weiter der
Wahrheit zu folgen? Was man auch gesagt hat, um euch zu überreden: Es kommt nicht von
dem, der euch berufen hat.“ (Gal 5,7f.) Also fordert uns der hl. Paulus gerade auch im Blick
auf das Ende unseres Lebens auf: „Haltet fest am Wort des Lebens, mir zum Ruhm für den
Tag Christi, damit ich nicht vergeblich gelaufen bin oder mich umsonst abgemüht habe.“ (Phil
2,16; vgl. auch Jes 65,23; 49,4; vgl. auch die Lesung dieses Gottesdienstes)

Ganz in diesem Sinne sagt uns Thomas Groß in dem schon genannten Gespräch: „Die Hauptsache
ist, dabei zu sein und durchs Ziel zu kommen. Die Zeit ist dabei zweitrangig.“ Wir sind
ihm für sein ganzes Leben und für seinen fast 30-jährigen vorbildlichen Dienst von ganzem
Herzen dankbar. Aus tiefer Überzeugung sagen wir: „Vergelt’s Gott!“ Denn nur Er weiß, wie
Thomas Groß sein Leben verzehrt hat für die Botschaft Gottes und die Menschen. Wir sind
gewiss, dass er nun den Lauf seines Lebens vollendet und damit sein größtes Ziel erreicht hat.
In seinem irdischen Leben zog es ihn immer wieder ins Heilige Land und dort besonders nach
Jerusalem, um an den Stätten betend und meditierend zu verweilen, die im Leben Jesu wichtig
waren. Nun darf er den Herrn schauen im himmlischen Jerusalem.

Amen.

(von Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz, gelesen von Generalvikar Dietmar Giebelmann am 22. September 2012)